„Ich bin, weil wir sind“ – dieser Gedanke der Ubuntu-Philosophie zieht sich wie ein roter Faden durch Daniela Molzbichlers Arbeit als Departmentleiterin. Seit drei Jahren setzt sie auf ein Führungsverständnis, das sich am leading from behind orientiert: zuhören, stärken, ermöglichen. Denn Entwicklung entsteht dort, wo Menschen gemeinsam gestalten und Verantwortung teilen. Im Interview blickt sie auf prägende Erfahrungen, gewachsene Zusammenarbeit und die Zukunft des Departments Angewandte Sozialwissenschaften.

Seit 2023 hat das Department Angewandte Sozialwissenschaften an der FH Salzburg sichtbar an Dynamik und Profil gewonnen: Getragen von einer starken Nachfrage wurden die Studienplätze in der Sozialen Arbeit verdoppelt, das Masterstudium Soziale Innovation ist fest etabliert und mit dem neuen Studiengang Elementarpädagogik wurde das Angebot gezielt erweitert. Im Zentrum stehen dabei die Studierenden und eine Ausbildung, die fachliche Expertise mit gesellschaftlicher Relevanz verbindet. Parallel dazu ist das Team deutlich gewachsen und das Department in ein starkes Netzwerk aus Praxis, Forschung und internationalen Kooperationen eingebettet. Inhaltlich liegt der Fokus – insbesondere in Forschung und Wissensentwicklung – auf Gesundheit, Demokratieentwicklung, sozialer Ungleichheit und nachhaltiger Transformation.
Ein Department, das gesellschaftliche Veränderungen nicht nur reflektiert, sondern aktiv mitgestaltet – neugierig, wirksam und mit klarem Blick nach vorn.
Drei Jahre Departmentleitung – gab es einen Moment, in dem du besonders gespürt hast: „Genau dafür mache ich diesen Job“?
Ja, und es waren zum einen die großen, sichtbaren Meilensteine und zum anderen die Momente dazwischen: wenn ein Team gemeinsam eine Herausforderung meistert, wenn Studierende beginnen, ihre Rolle in der Gesellschaft bewusst zu reflektieren, oder wenn aus einer Idee ein Projekt wird, das tatsächlich Wirkung entfaltet.
Besonders deutlich wurde mir das in Situationen, in denen spürbar war, dass Zusammenarbeit trägt – dass Vertrauen, Offenheit und gemeinsames Denken etwas entstehen lassen, das man allein nie erreichen würde. Genau dann weiß ich: Dafür mache ich diesen Job.

Du führst das Department nach der Ubuntu-Philosophie „Ich bin, weil wir sind“. Wie prägt dieser Gedanke deinen Führungsstil – und wie zeigt er sich im Arbeitsalltag ganz konkret?
Ubuntu ist für mich weit mehr als ein Leitsatz – es ist eine Haltung. Führung bedeutet für mich nicht, hierarchisch vorzugeben, sondern Rahmen zu schaffen, in denen Menschen sich entfalten können – im Sinne eines leading from behind.
Ganz konkret heißt das: zuzuhören, unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen, Verantwortung zu teilen und Vertrauen zu geben – und gleichzeitig transparent zu machen, warum Entscheidungen getroffen werden, was realisierbar ist und wo auch Grenzen liegen.
Der Austausch im Team bildet dabei die Grundlage für Entscheidungen. Ideen werden gemeinsam weiterentwickelt, Perspektiven zusammengebracht. Dabei ist mir auch eine konstruktive Fehlerkultur wichtig: Fehler nicht als Scheitern zu begreifen, sondern als Lernchancen, die Entwicklung fördern und neue Wege öffnen.
Im Alltag zeigt sich das in einer offenen Kommunikationskultur und der Bereitschaft, voneinander zu lernen – mit dem Wissen, dass Zusammenarbeit nicht immer reibungslos verläuft. Unterschiedliche Perspektiven bringen manchmal Reibung mit sich, aber genau darin entsteht Entwicklung. Nicht jeder Konflikt lässt sich vollständig auflösen, doch oft entstehen daraus neue Wege. Der Austausch im Team ist dabei zentral und bildet die Grundlage für Entscheidungen, die im Dialog wachsen und klar verortet sind. Genau darin liegt eine Form von Ermächtigung: sich einzubringen, gehört zu werden und gemeinsam weiterzugehen.

Die vergangenen Jahre waren von Krisen und gesellschaftlichen Veränderungen geprägt. Welche Entwicklungen haben die Sozialwissenschaften besonders verändert – und welche Kompetenzen brauchen Studierende heute mehr denn je?
Die Klimakrise, Fragen globaler Sicherheit und zunehmende gesellschaftliche Spannungen markieren tiefgreifende Transformationsprozesse. Für die Sozialwissenschaften bedeutet das, nicht nur zu analysieren, sondern aktiv Zukunft mitzugestalten.
Studierende brauchen dafür die Fähigkeit, in Zusammenhängen zu denken, mit Unsicherheit umzugehen und Verantwortung zu übernehmen – verbunden mit Empathie, Dialogfähigkeit und dem Mut, Dinge zu hinterfragen und weiterzudenken. Diesen Mut zu stärken und Räume zu schaffen, in denen er wachsen kann, verstehen wir als zentralen Auftrag.
Mit deiner Wiederbestellung für weitere fünf Jahre als Departmentleiterin beginnt ein neues Kapitel. Wenn du nach vorne blickst: Welche Vision begleitet dich – und wo möchtest du bewusst neue Akzente setzen?
Ich sehe großes Potenzial darin, dass sich die Sozialwissenschaften noch konsequenter in zentrale Zukunfts- und Transformationsfelder einbringen – insbesondere in Diskurse rund um Sicherheit, Künstliche Intelligenz und ökologische Herausforderungen. Gerade in diesen Bereichen braucht es mehr als technologische oder sicherheitspolitische Perspektiven: Es braucht den sozialwissenschaftlichen Blick, der Zusammenhänge einordnet, Folgen reflektiert und gesellschaftliche Dimensionen sichtbar macht.
Zukunft entsteht dabei im Zusammenspiel: zwischen Theorie und Praxis, zwischen regionaler Verankerung und internationalen Perspektiven sowie über disziplinäre und institutionelle Grenzen hinweg. In dieser Verbindung liegt die eigentliche Gestaltungskraft – weil sie unterschiedliche Denkweisen zusammenführt und neue Lösungen ermöglicht.
Unser Anspruch ist es, Räume zu schaffen, in denen Menschen Wirksamkeit erfahren – und insbesondere jene zu stärken, deren Stimmen oft zu wenig gehört werden. Sozialwissenschaften entfalten ihre Kraft dort, wo sie sich einmischen: reflektiert, verbindend und mit einem klaren Anspruch an Gerechtigkeit, Empowerment und gesellschaftliche Gestaltung.